Warum hat die Schweiz keinen „richtigen" Präsidenten?
In der Schweiz liegt die Exekutivgewalt beim Bundesrat (Conseil fédéral), dessen sieben Mitglieder gemeinsam die Funktion des Staats- und Regierungsoberhaupts ausüben. Es gibt keine einzelne Person mit abschliessender Entscheidungsbefugnis: Das Gremium trifft seine Entscheidungen im Konsens und nach dem Kollegialprinzip.
Jedes der sieben Bundesratsmitglieder leitet zugleich ein eidgenössisches Departement. Das Gremium wird vom Parlament für eine vierjährige Amtsperiode gewählt — nicht direkt vom Volk.
Diese Lösung ist kein Zufall. Die Schweiz besteht aus vier nationalen Sprach- und Kulturgemeinschaften (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch), und die föderale Struktur war von Anfang an darauf ausgelegt, dass keine einzelne Gruppe dauerhaft die Oberhand gewinnen kann. Die kollektive Exekutive institutionalisiert dieses Gleichgewicht.
Was bedeutet das in der Praxis? In der Schweiz bestimmt nicht der persönliche Wille eines einzelnen Politikers die Regierungsrichtung, sondern ein Kollegialbeschluss. Öffentliche Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ratsmitgliedern sind untersagt: Das Gremium tritt nach aussen geschlossen auf, auch wenn intern Debatten stattfinden.
Warum wechselt der Präsident jedes Jahr?
Der Schweizer Bundespräsident (Président de la Confédération) wird vom Parlament gewählt — jedoch nur für ein Jahr, und die Position bedeutet deutlich weniger als in anderen Ländern.
Der Schweizer Bundespräsident ist nicht der Chef der Exekutive. Seine Aufgaben sind:
den Vorsitz in den Sitzungen des Bundesrats zu führen,
bei internen Meinungsverschiedenheiten zu vermitteln,
die Schweiz bei protokollarischen Anlässen im Ausland zu vertreten.
Besondere Befugnisse hat er nicht. Das Präsidialamt wird unter den sieben Ratsmitgliedern im Rotationsprinzip besetzt — in der Regel erhält das dienstälteste oder das nächste Mitglied in der Reihe die Rolle. Das führt dazu, dass viele Schweizer Bürgerinnen und Bürger nicht aus dem Stegreif sagen können, wer gerade Bundespräsident ist.
Aus ungarischer Perspektive mag das ungewohnt wirken: In Ungarn sind sowohl die staatsrechtliche Rolle des Präsidenten als auch die Person des Ministerpräsidenten im öffentlichen Diskurs klar präsent. In der Schweiz fehlt diese personenzentrierte politische Kultur im System bewusst.
Wie ist das Schweizer Parlament aufgebaut?
Das Schweizer Parlament (Bundesversammlung / Assemblée fédérale) ist ein Zweikammersystem:
Kammer | Name | Anzahl Mitglieder | Wahlmodus |
|---|---|---|---|
Unterhaus | Nationalrat | 200 Sitze | Proportionalwahl, nach Kantonen |
Oberhaus | Ständerat | 46 Sitze | Kantonsvertretung (2 Sitze/Kanton, 1 Sitz/Halbkanton) |
Die Parlamentsmitglieder werden vom Volk gewählt, jeweils für eine vierjährige Amtsperiode. Den Bundesrat hingegen wählt das Parlament — im Schweizer System sind diese beiden Ebenen also voneinander getrennt.
Kantonale Ebene: Die Schweiz besteht aus 26 Kantonen, die über weitreichende Eigenständigkeit verfügen. Besteuerung, Bildung, Gesundheitsregulierung und zahlreiche weitere Bereiche fallen in die kantonale Zuständigkeit. Dieser föderale Aufbau (Föderalismus) ist ein Grundpfeiler der Schweizer Politik.
Wer sitzt im Schweizer Parlament?
Ein Merkmal des Schweizer Parlamentssystems ist die Verhältniswahl (Proporzsystem). Die Parteien erhalten Mandate entsprechend ihrem Stimmenanteil, was dazu führt, dass das Parlament die Wählerverteilung tatsächlich widerspiegelt — und keine einzige Partei dauerhaft über eine absolute Mehrheit verfügt.
Die vier grössten Parteien, die traditionell auch im Bundesrat vertreten sind:
SVP (Schweizerische Volkspartei / Union démocratique du centre): rechtsbürgerlich, konservativ, einwanderungsskeptisch
SP (Sozialdemokratische Partei / Parti socialiste):itte-links, sozialdemokratisch
FDP (FDP. Die Liberalen / PLR): liberal-konservativ, wirtschaftsfreundlich
Die Mitte (früher CVP): christdemokratisch, zentristisch
Die Zusammensetzung des Bundesrats wird durch ein informelles Gleichgewichtsprinzip geregelt, die sogenannte „Zauberformel": Die vier grossen Parteien teilen die sieben Bundesratssitze proportional zu ihren Mandatsanteilen auf. Dieses Prinzip gilt seit 1959, wobei sich die Anteile im Laufe der Jahrzehnte verändert haben.
Aus ungarischer Perspektive: ist das Schweizer Parteiensystem nicht bipolar. Es gibt keine „Regierungspartei" und keine „Opposition" im gewohnten Sinne — die grossen Parteien sind gleichzeitig in der Exekutive und im Parlament vertreten und streiten dennoch miteinander. Diese konsensorientierte politische Kultur (Konkordanzdemokratie) ist eine der Grundlagen der Stabilität des Landes.
Was ist direkte Demokratie, und warum ist sie für Ungarn ungewohnt?
Die schweizerische direkte Demokratie (direkte Demokratie / démocratie directe) bedeutet, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht nur Vertreter wählen, sondern selbst über Gesetze und politische Fragen abstimmen.
In der Schweiz finden jährlich vier Abstimmungssonntage statt, an denen stimmberechtigte Bürgerinnen und Bürger gleichzeitig über mehrere Fragen entscheiden können. Dies ist weltweit einzigartig: Kein anderes Land hält auf Bundesebene so regelmässig direkte Volksabstimmungen ab.
Warum ist das aus ungarischer Sicht ungewohnt? In Ungarn ist die Gesetzgebung ausschliesslich Aufgabe des Parlaments, und die Möglichkeit von Volksinitiativen ist begrenzt und selten. In der Schweiz beginnt der Gesetzgebungsprozess von vornherein mit der Frage: „Was werden die Bürgerinnen und Bürger dazu sagen?"
Wie funktionieren Referenden und Volksinitiativen?
Das schweizerische System der direkten Demokratie besteht aus zwei Hauptinstrumenten:
Referendum (Referendum)
Das Referendum kann obligatorisch oder fakultativ sein:
Obligatorisches Referendum (obligatorisches Referendum): Jede Verfassungsänderung bedarf automatisch der Zustimmung des Volkes. Wenn das Parlament die Verfassung ändert, ist die Abstimmung unumgänglich.
Fakultatives Referendum (fakultatives Referendum): Werden gegen ein Parlamentsgesetz innerhalb von 100 Tagen 50 000 Unterschriften gesammelt, muss das Gesetz dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden. Lehnen die Stimmberechtigten es ab, tritt das Gesetz nicht in Kraft — selbst dann nicht, wenn Parlament und Bundesrat es einstimmig befürwortet haben.
Volksinitiative (Volksinitiative)
Jede Schweizer Bürgerin und jeder Schweizer Bürger — ab 18 Jahren — kann eine Verfassungsänderung beantragen, wenn innerhalb von 18 Monaten 100 000 gültige Unterschriften gesammelt werden. Die Unterzeichnenden müssen das Schweizer Stimmrecht besitzen und eine nachweisbare Wohnadresse angeben.
Wenn die Unterschriftensammlung erfolgreich ist, kommt die Frage zur obligatorischen Volksabstimmung. Wird sie von den Stimmberechtigten angenommen, muss der Bundesrat sie umsetzen — unabhängig von seinen eigenen politischen Präferenzen.
Praktische Beispiele aus den vergangenen Jahren:
2021 lehnten die Stimmberechtigten das CO₂-Gesetz ab, das das Parlament zuvor verabschiedet hatte.
2020 nahmen die Stimmberechtigten die «Burka-Initiative» an, obwohl der Bundesrat dagegen war.
2021 stimmten die Stimmberechtigten der gesetzlichen Anerkennung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu.
Diese Beispiele zeigen deutlich: Im Schweizer System haben letztlich die Bürgerinnen und Bürger das letzte Wort — nicht die Politikerinnen und Politiker.
Wer darf in der Schweiz abstimmen — und was gilt für Ungarinnen und Ungarn?
Das Stimmrecht ist auf Bundesebene an die Schweizer Staatsbürgerschaft geknüpft. Das bedeutet: In der Schweiz lebende Ungarinnen und Ungarn ohne Schweizer Pass — einschliesslich Personen mit Ausweis B oder C — können an eidgenössischen und kantonalen Abstimmungen nicht teilnehmen.
Einige Kantone und mehrere hundert Gemeinden ermöglichen es ausländischen Niedergelassenen jedoch, an Abstimmungen auf lokaler Ebene teilzunehmen. Diese Rechte unterscheiden sich von Kanton zu Kanton:
In den Kantonen Neuchâtel und Jura können ausländische Niedergelassene auch auf kantonaler Ebene abstimmen.
In mehreren Gemeinden der Kantone Genève und Vaud haben seit längerer Zeit dort lebende Ausländerinnen und Ausländer ein Stimmrecht auf lokaler Ebene.
Was bedeutet das für in der Schweiz lebende Ungarinnen und Ungarn? Viermal im Jahr erleben sie, wie Nachbarn, Arbeitskollegen und Bekannte abstimmen — und sie selbst sind davon ausgeschlossen, solange sie keine Schweizer Staatsbürgerschaft erwerben (Einbürgerung / naturalisation). Die Voraussetzungen und der Ablauf der Einbürgerung sind ein eigenes Thema, das im entsprechenden Artikel der Wissensdatenbank ausführlich behandelt wird.
Quellen
Schweizerische Bundeskanzlei (Bundeskanzlei / Chancellerie fédérale): ch.ch — offizielle Erläuterung des Schweizer politischen Systems und des Stimmrechts
Schweizerische Bundeskanzlei — direkte Demokratie: bk.admin.ch
Schweizerischer Bundesrat: admin.ch
The Local Switzerland: „A foreigner's guide to understanding Swiss politics in five minutes" (29. November 2021) — thelocal.ch
Kurz gesagt
In der Schweiz gibt es keinen einzelnen Ministerpräsidenten oder Staatspräsidenten, der das Land allein führt. Die Exekutivgewalt liegt kollektiv bei einem siebenköpfigen Gremium, dem Bundesrat (Conseil fédéral). Gesetzgeberische Entscheidungen treffen letztlich nicht die Politiker, sondern die Bürgerinnen und Bürger — durch obligatorische und fakultative Referenden. Dieses System ist in Europa einzigartig und gehört für viele Ungarn, die in die Schweiz kommen, zu den grössten Überraschungen. ---


